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Gast-Beitrag: Martha träumt von Früher

10.12.2008 09:13 - Bild

Hier schreibt heute jemand anderes, als eure Caro! Denn ich habe meinen Platz geräumt für diesen Beitrag und im Rahmen von Konnas „Blog-Julklapp“ darf hier nun XiongShui von
buettchenbunt seine Spuren hinterlassen.
Ich freue mich sehr, denn er schreibt kleine Geschichtchen über Martha und diesmal ist sie nach Hamburg gereist!

„Die Geschichte wird erzählt vom Zeitungsboten, der sich jeden Morgen mit Martha unterhält (Zur Kolumne Martha ). Martha ist eine Betonfigur, die vor dem Haus meiner Urgroßeltern auf einer Mülltonnengarage sitzt. Um politisches und anderes Weltgeschehen zu glossieren, gibt es die Kolumne "Martha!"“

Ich bin gespannt und nun geht’s auch schon los:

„Guten Morgen“, begrüßte ich Martha, die wie üblich, auf ihrer Müllkiste saß.

„Guten Morgen“, wünschte sie zurück, „bald ist ja Weihnachten, da fiel mir heute Nacht eine Geschichte ein, die ich vor langer Zeit erlebt habe. Ich glaube, es war 1970. Damals kannte ich meinen Mann noch nicht. Aber ich hatte seit einigen Monaten einen Freund, einen Hamburger, der hier in Düsseldorf bei der Rheinbahn arbeitete. Davor hatte er in Hamburg U- Bahnen gefahren, die nennt man dort Hochbahn. Schon lustig: die U- Bahn fährt meistens oben in der Luft und die S- Bahnen fahren sehr viel unterirdisch. Aber das wusste ich da noch nicht.“

"Ah, sie haben heute ihren 'Nostalgischen'".

„Nun ja, sehen Sie, ein Zeichen, daß man älter wird, sind die Erinnerungen. Man erinnert sich plötzlich an vieles von früher. Dieser Freund, nennen wir ihn einfach mal Hubert, legte sich mächtig ins Zeug, um mich zu erobern. Also schenkte er mir zu Weihnachten einen Flug nach Hamburg und zurück. Dabei war er es eigentlich, der gerne flog, ich bin mehr für Eisenbahnfahrten zu haben. So richtig mit Ruß im Gesicht und allem Drum und Dran.“

„Die Zeiten der Dampfloks sind aber schon lange vorbei.“

„Damals noch nicht, da kam es noch vor, das zwischen Münster und Osnabrück die eine oder andere Verspätung herausgeholt wurde, weil Heizer und Lokführer die Kessel fast zum Platzen brachten. - Aber ich wollte ja von der Hamburgreise erzählen. Wir stiegen also am Heiligabend morgens in die Maschine, sogar mein Hund, damals hatte ich einen Terrier, durfte mit in die Kabine. Damals konnte man noch den Piloten fragen und wenn der ja sagte, ging das.“

„Wie, einfach so?“

„Ja, man rief einige Tage vorher an, wenn der Pilot dann sein o.k. gab, konnte man den Hund mitbringen. Wir flogen also nach Hamburg, das ging ziemlich schnell, noch nicht mal eine Stunde, gerade Zeit, ein Brötchen zu essen und etwas zu trinken. Damals wurde man auch auf innerdeutschen Flügen noch richtig bewirtet. Meist gab es sogar für den Hund ein Kotelett. Nach der Landung stand dann ein Taxi bereit, Huberts Schwager hatte ein Taxiunternehmen. Wir fuhren zu seiner Schwester, die einen Vogel hatte.“

„Das ist aber nicht besonders höflich, immerhin waren sie doch Gast.“

„Nein“, Martha lachte, „einen richtigen Vogel, so einen weißen Kakadu, manchmal sprach der sogar. Zunächst betrachtete er von der Gardinenstange aus misstrauisch den Hund und legte den Kopf schief, während er von einem Fuß auf den anderen trat. Sah lustig aus. - Die Schwester begrüßte uns mit großem Hallo, Umarmungen und viel Geschrei. Gleichzeitig verkündete sie, daß es heute abend Grünkohl mit Pinkel gäbe. Darüber wunderte ich mich, Hubert erzählte mir aber, daß sei in Norddeutschland das traditionelle Weihnachtsessen. Jedenfalls, nachdem wir ein wenig in Altona herumgestreunt waren, dort wohnte die Schwester, tauschten wir Abends die Geschenke aus und dann gab es das Weihnachtsessen, reichlich, lecker – der Erfolg war, daß wir nachher alle im „Suppenkoma“ lagen. Wir gingen dann auch bald ins Bett und streckten alle Vier von uns.“

„Das ist aber eine seltsame Art, Weihnachten zu feiern, Ihre Hubert hatte sich das doch sicher etwas anders vorgestellt?“

„Möglich, aber wir waren wirklich so pappsatt, daß wir zu nichts mehr fähig waren. Und, wie er mir nachher erzählte, war dieses Gericht sein absolutes Lieblingsessen; naja, ich esse auch sehr gerne Grünkohl, kannte das aber nur mit Mettwurst.“

„Und wie ging's weiter?“

„Am Morgen, ich bin immer schon eine Frühaufsteherin gewesen, schnappte ich mir den Hund, alle anderen schliefen noch, es war kurz nach sechs. Ich ging mit dem Hund auf die Straße und machte ein paar Runden, dabei vermisste ich ein wenig die vielen Düsseldorfer Parkanlagen, aber man kann nicht alles haben. Wir kamen so auch zum Altonaer Bahnhof und, ich sagte es ja schon: Eisenbahnfreak. Also ging ich zum Schalter. Damals gab's sowas noch, richtige 'Schalter' da war ein Fenster in der Wand, ein Thekenbrett darunter, mit einer runden, tellerartigen Vorrichtung, in die der 'Schalterbeamte' die gewünschte Fahrkarte legte und eventuelles Wechselgeld, nachdem man seinen Wunsch gegen ein ovales kleines Fensterchen geäußert hatte, welches sich in der großen Scheibe befand. Der Beamte betätigte dann einen Hebel, mit dem sich der Teller drehte, wobei er die Karte nach außen und das Geld nach drinnen transportierte. Praktisch und sicher.“

„Wollten Sie wieder nach Hause fahren?“

„Nein, nein, ich sagte zu dem Schalterbeamten: Welches ist die längst S- Bahnstrecke, von hier aus? Er sah mich etwas verdutzt an und meinte dann: die nach Wedel. Gut, sagte ich zu ihm, dann geben Sie mir bitte einmal Wedel und zurück für mich und den Hund. Jetzt macht er das Fensterchen auf, musterte mich noch einmal von Kopf bis Fuß beugte sich zu mir und sagte mitfühlend: wissen Sie denn garnicht, wohin Sie gehen sollen? Ich stutzte einen Augenblick, während mir schlagartig klar wurde: erster Weihnachtstag, vor sieben Uhr morgens, kein Mensch auf der Straße, einsame Dame mit Hund. Ich platzte fast vor Lachen. Der Bahnmensch guckte erst verblüfft dann beleidigt. Während mir noch die Tränen herunterliefen, klärte ich ihn auf. Ich sei zu Besuch in Hamburg, meine Freunde Langschläfer, ich Frühaufsteher schon wegen des Hundes und dann – ich sei eben Eisenbahnfreak. Da konnte er auch lachen. Da es noch einige Zeit dauerte, bis die S- Bahn abfuhr, unterhielten wir uns noch ein wenig. Es war ein wirklich netter Morgen.“

„Und weiter?“

„Naja, weiter war nicht viel. Ich stieg dann mit dem Hund in die S- Bahn, drehte die Runde nach Wedel und zurück. Dann war es Zeit, zurückzukehren zum Frühstück. Es waren schöne Tage damals, mit Fischmarkt, Rundfahrt auf der Alster, Abends Reeperbahn, was man so alles geboten kriegt, als Tourist.“

„Davon müssen Sie mir auch erzählen.“

„Ja, vielleicht, später.“

Versonnen hockte sie da. Mir blieb nur noch, ihr ein „tschüß“ zuzurufen.

„Hubert ist auch schon fünf Jahre tot“, sagte sie noch.

_________________________________________________________

Vielen, vielen Dank XiongShui für diese wirkliche enzückende Kurzgeschichte. Ich würde gerne wissen, was Martha auf der Reeperbahn noch so erlebt hat. Vielleicht kommt da ja wirklich noch mal was?
Ich freue mich schon jetzt und mich hast du auf jeden Fall für Martha begeistert!!!

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1 Kommentar/e - Kategorie: My homepage... Autor: zitrone

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zitrone: Hans Kammerlander:
„Wenn du es nicht
versuchst, wirst du
nie wissen, ob du es
kannst.“

pat: ok dann warte ich
mal ab :)

zitrone: Ab zum
Welt-Astra-Tag und
zu Pauli

zitrone: ändert sich :-) ganz
gewiss!!!

pat: hi, schöner blog
aber leider so
wenige
einträge....lg

zitrone: und dann ist der
Schmerz in der Hand
wieder so doll da,
dass man schreien
möchte...

zitrone: zerstochen von
Mücken...

zitrone: „Ich kann, weil ich
will, was ich muss.“

zitrone: Die VuuV war der
Hammer!!!

zitrone: Sonnenschein...! I
love you!